Interview mit Eric und Vanessa vom Start-up adiutaByte

Freitag, 29. Oktober 2021
Praxisorientierte Lehre führt zu praxisorientierten Lösungen - Vom Studium an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zur Mitgründung eines erfolgreichen Start-ups, das praxisorientierter nicht sein könnte. Die adiutaByte GmbH sitzt im Business Campus und wird unter anderen von einem Alumnus der Hochschule geführt.
Das Team von adiutaByte auf dem Campus Sankt Augustin
Das Team von adiutaByte auf dem Campus Sankt Augustin, v. l.: Annika Schiffer, Vanessa Wolff, Dr. Dustin Feld, Andreas Malewski, Eric Schricker, Foto: Johanna Schuh/H-BRS

Angefangen hatte alles im Praxissemester während seines Informatikstudiums an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Heute gehört Eric Schricker zu den vier Gründern des SaaS-Start-ups adiutaByte (SaaS = Software as a Service). Mit der Idee, eine automatische Tourenplanung für den ambulanten Pflegedienst zu schaffen, revolutioniert das junge Unternehmen mit Optimierungsalgorithmen seit 2019 die Touren- und Personalplanung.

Was die Software von adiutaByte so einzigartig macht, welche Rolle die H-BRS bei der Wahl der Niederlassung des Start-ups gespielt hat und was Chipstüten mit Turbinen zu tun haben, verraten Eric Schricker und eine Mitgründerin, Vanessa Wolff, im Interview.

H-BRS: Eric, du bist Alumnus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Was hat Dein Studium mit der Gründung des Unternehmens zu tun?

Eric: Richtig, ich habe Informatik mit Spezialisierung Komplexe Software Systeme an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert und dazu gehörte ein Praxisprojekt. Dafür habe ich Ende 2013 beim Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI als Werkstudent angefangen. Mein Praxisprojekt war in der HPC-Abteilung angesiedelt, also in der Abteilung für High Performance Computing. Dustin, auch einer unserer vier Gründer, war dort damals schon Doktorand und wir haben gemeinsam an einer mathematischen Bibliothek gearbeitet.

Meinen Bachelor habe ich dann im September 2014 gemacht und danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich EMT an der Hochschule angefangen. Ich saß aber weiter bei Fraunhofer, da das Projekt, in dem ich an der Hochschule gearbeitet habe, eine Kooperation mit Fraunhofer war.

H-BRS: Du hast dich dann aber noch für deinen Master entschieden, richtig?

Eric: Genau. Nach zwei Jahren zwischen Hochschule und Fraunhofer habe ich mich für den Master an der H-BRS zum Thema „Verbesserungsheuristiken für die Tourenplanung mit Zeitfenstern in Online Szenarien“ entschieden und bin wieder als Student zu Fraunhofer gewechselt. Gegen Mitte meiner Masterarbeit ist dann diese Idee von Philipp, ebenfalls einer unserer Mitgründer, aufgekommen.

H-BRS: Und wie sah diese Idee aus?

Vanessa: Philipp hat sich mit einer Anfrage an Fraunhofer gewandt, dass er eine Technologie für Tourenplanung für ambulante Pflegedienste sucht. Das ist durch Zufall bei Dustin auf dem Schreibtisch gelandet, der gerade seine Dissertation im Bereich agile Optimierung beendet und dafür einen Anwendungsbereich gesucht hat. Genau wie Dustin und Eric habe ich auch bei Fraunhofer SCAI am Schloss Birlinghoven gearbeitet. Meine Masterarbeit habe ich zum Thema kräftebasiertes Graph Layout Verfahren zur Lösung von Platzierungsproblemen geschrieben, mit der ich mich in das Projekt einbringen konnte.

Eric: Dustin hat mit dem, was er in seiner Doktorarbeit gemacht hat, eine initiale Lösung dafür generiert, welcher Pfleger zu welchem Patienten fährt. Und ich habe durch meine Masterarbeit hinterher ein mathematisches Verfahren angewendet, das das Ganze noch optimiert.

H-BRS: Wie lange hat es ungefähr gedauert von der Idee über die Umsetzung bis zur Gründung des Unternehmens?

Vanessa: Also ich glaube den ersten Termin zur Besprechung hatten Dustin und Philipp im Mai 2017. Dann haben wir das ca. ein halbes Jahr ausgetestet und dafür auch im Rahmen einer internen Förderung Geld von Fraunhofer bekommen. In diesem Pilotprojekt ging es darum auszuprobieren, ob die Technologie passend für die praktischen Anwendungsanforderungen ist. Dabei hat sich rausgestellt, dass das im tatsächlichen Gebrauch ganz gut funktionieren könnte. Wir waren dann noch anderthalb Jahre in Fraunhofer-internen Spin-off-Programmen, um zu schauen, wie groß der Markt ist und ob die Technologie gut genug dafür ist. Da konnten wir uns bewähren und durften dann eben im April 2019 die GmbH ausgründen.

H-BRS: Woher kommt der Name "adiutaByte"?

Vanessa: Das kommt vom Lateinischen "adiutabit" - es wird helfen. Und ein Byte ist acht Mal so viel wie ein Bit. Und da wir mit Computern arbeiten, hat es sich so ergeben.

H-BRS: Was hat euch dazu bewegt, euch als Start-up im BusinessCampus niederzulassen?

Eric: Wir haben uns damals, als wir bei Fraunhofer waren, natürlich die Frage gestellt: "Wo ziehen wir hin?". Durch mein Studium kannte ich den BusinessCampus und wir haben einfach eine Mailanfrage gesendet. Nachdem wir vorbeikommen durften, um uns den Campus anzuschauen, war die Sache recht schnell klar. Die Miete hat ein Drittel dessen gekosten, als wir woanders bezahlt hätten. Wir konnten die Räume so günstig mieten, da ich hier an der Hochschule studiert habe und damit zur Zielgruppe des BusinessCampus gehörte. Mittlerweile haben wir insgesamt fünf Büros angemietet.

H-BRS: Wie würdet ihr die Philosophie eures Unternehmens beschreiben?

Vanessa: Unser Ziel ist es, diese Assistenzsysteme, Algorithmen und KI für jedermann zugänglich und nutzbar zu machen. So, dass es nicht nur großen Unternehmen vorbehalten ist, sondern jeder kleinere Pflegedienst unsere Software ganz einfach nutzen kann. Oder jeder kleine Entsorgungsbetrieb und jeder kleinste Logistiker.

H-BRS: "Algorithmus" mag für manche ein abstrakter Begriff sein. Wie könnte man einfach erklären, was ihr da genau macht?

Vanessa: Was wir eigentlich machen, ist die Tourenplanungsaufgabe lösen. Das heißt, welcher Mitarbeiter macht wann welche Aufgabe unter Berücksichtigung von Zeitfenster- und Qualifikationsvorgaben. Aber auch aus der Sicht des Kunden, am Beispiel der ambulanten Pflege: Wer ist mein Lieblingspfleger? Von wem möchte ich am liebsten versorgt werden?

H-BRS: Solche Tendenzen können auch berücksichtigt werden?

Eric: Genau. Das wird alles im Hintergrund berücksichtigt und der Planer gibt eigentlich nur noch diese Stamminformationen ins System ein. Ein Algorithmus fängt ja schon bei einfachen Rechenvorschriften an. Zum Beispiel A plus B ist auch schon so eine Art Algorithmus. Was unserem System zugrunde liegt, ist natürlich ein bisschen komplexer. Aber das ist auch gewachsen mit der Zeit, beziehungsweise wächst stetig weiter durch neue Anforderungen, die es aus den verschiedenen Branchen gibt. Fast täglich kommt irgendwas Neues, was noch jemand zusätzlich braucht und berücksichtigt werden muss. Somit wird das Konzept eben stetig erweitert.

H-BRS: Wird man so denn jemals an den Punkt kommen, an dem euer Produkt fertig ist?

Vanessa (lacht): Ich glaube nicht.

Die adiutaByte GmbH gibt zwei schnelle Tipps zur Unternehmens-Gründung

Eric und Vanessa mit zwei persönlichen Tipps zur Gründung.

 

H-BRS: Angefangen beim Pflegedienst hin zu weiteren Branchen. Wo genau ist euer System schon im Einsatz?

Eric: Ganz groß in der ambulanten Pflege. Durch eine Kooperation steht unsere Software aktuell über 50 Prozent der Pflegedienste deutschlandweit zur Verfügung. In der Entsorgung sind wir ebenfalls gut unterwegs. Mit aktuell drei der vier größten deutschen Städte arbeiten wir gemeinsam an Projekten und haben mit der Stadt Herne zusammen eine eigene Plattform entwickelt. Über diese können sich Bürgerinnen und Bürger selbstständig um die Abholung ihres Sperrmülls kümmern. Ihre Termine werden unter Berücksichtigung des Wunschtermins automatisch von unserem System verplant. Nur in 5 Prozent der Fälle gibt es dann noch Rückfragen, sprich muss das Entsorgungsunternehmen manuell in die Organisation eingreifen.

H-BRS: Und in welchen Bereichen wärt ihr gerne stärker vertreten?

Vanessa: Mehr logistische Anwendungsfälle wären auch spannend. Aber da gibt es häufig das Problem, dass Logistiker meistens gar nicht so genau wissen, was für Kapazitäten sie einplanen müssen. Oder sie beispielsweise zwar gesagt bekommen, dass sie eine Lieferung von A nach B transportieren sollen, aber erst vor Ort erfahren, um was genau es sich handelt. Das liegt vor allem daran, dass der Bereich noch nicht wirklich digitalisiert ist. Wir waren mit einer Spedition im Gespräch, die wirklich alles transportiert. Von Chipstüten bis hin zu Turbinen. Damit sind die Kapazitätsgrößen schwer zu beschränken, und es ist aktuell noch sehr komplex, das automatisch abzubilden. Denn Chipstüten auf Turbinen stapeln geht, andersherum ist es schon wieder unvorteilhaft. Genau hier sind wir aber in Gesprächen und überlegen mit den Anwendern zusammen, wie das System am besten aufgestellt werden kann.

H-BRS: Wie kann man sich eure Software denn aktuell in der Verwendung vorstellen?

Eric: Man trägt seine Stammdaten in das System ein. Das heißt, welche Verkehrsmittel stehen zur Verfügung und welche Eigenschaften haben die. Dann kann definiert werden, ob zum Beispiel Grün- oder Braunglas abgeholt werden soll und das vielleicht auch nur mittwochs. Die entsprechende Fahrzeugkategorie kann ebenfalls bestimmt werden. Ansonsten können wir bei den Verkehrsmitteln verschiedene Profile hinterlegen, ob man mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit ÖPNV unterwegs ist, und dementsprechend werden dann auch die Fahrtzeiten und Fahrtstrecken prognostiziert. Speziell für den Entsorgungsfall kann zudem bestimmt werden, wo die Fahrzeuge entladen werden. Diese Zeit wird dann auch optimal in die Tour eingeplant.

H-BRS: Richtet ihr euch dabei nach den Bedürfnissen der Kunden, oder nehmen diese sich die passenden Einstellungen für ihre Tourenplanung aus eurem System?

Eric: Ein Mix aus beidem. Bei der Anwendung unserer Software kann man konfigurieren, was man alles braucht. Beispielsweise, dass Kapazitäten eine Rolle spielen, Kategorien oder Qualifikation. Das kann der Kunde einfach alles dazu- oder eben abschalten. Wenn dieser Kunde dann aber nach zwei Wochen feststellt, weitere Kategorien wären für seine Fahrzeuge nützlich, dann können wir die benötigte Anwendung freischalten.

Vanessa: Besonders beliebt ist die "unerwünschte Mitarbeiter" Funktion. Ursprünglich haben wir diese für die ambulante Pflege entwickelt, mit dem Hintergedanken, wer denn der jeweilige Lieblingspfleger ist. Aber es ist tatsächlich lustig, in wie viel anderen Branchen unerwarteterweise dieses Tool ebenfalls sehr gut ankommt. Ganz einfach zum Beispiel, wenn Mitarbeiter Peter mit seinem Müllwagen nicht nach Kalk fahren will, weil er Kalk einfach nicht mag. Dann wird Peter zum unerwünschten Mitarbeiter für alle Aufgaben in Kalk eingetragen und gut ist.

H-BRS: Habt ihr selbst denn eine direkte Verbindung zum Pflegeberuf?

Vanessa: Nein. Aber wir waren bei ganz vielen Pflegediensten vor Ort und haben uns angesehen, wie dort die Tourenplanung funktioniert - was wird warum und wie gemacht? So haben wir das Tool dann zusammen mit den Pflegediensten entwickelt. Und auch in allen anderen Branchen entwickeln wir praktisch immer nur Sachen, die die Unternehmen und deren Mitarbeitenden auch wirklich brauchen und wollen.

Eric: Und wir verstanden haben, warum sie was wie haben wollen.

H-BRS: Sprich, ihr könnt alles hinterfragen. Ist es vor allem das, was man an der Selbstständigkeit zu schätzen lernt?

Vanessa: Also am selbstständig sein auf jeden Fall, dass wir praktisch entscheiden können was wir machen, in welche Branchen wir gehen wollen und wo unser Fokus sein soll. Und eben auch, was wir zum Beispiel nicht machen wollen. Wenn jemand fragt, ob er unsere Planungslösung nutzen kann, und wir einfach „Nein“ sagen können, auch wenn er noch so viel Geld dafür bezahlen würde.

Eric: Genau, ich habe keine direkten Vorgesetzten, was das angeht. Also keinen, der mir sagt, was gemacht werden muss. Das ist Fluch und Segen zugleich. Ich finde es total toll, dass ich die komplette Freiheit habe und quasi selbst definiere, in welcher Reihenfolge ich was mache. Im Angestelltenverhältnis ist das natürlich anders. Da kriegt man genau vorgegeben, was man machen soll, und man bekommt vielleicht immer nur ein Ticket als Programmierer zugewiesen, was dann am Tag umgesetzt werden muss.

H-BRS: Welche Ziele habt ihr für euch und euer Unternehmen für die nächsten 3, 5 beziehungsweise 10 Jahre gesetzt?

Eric: Wir wollen auf jeden Fall weiter organisch wachsen, so wie bis jetzt auch. Wir haben eine kleine Start-Finanzierung vom Fraunhofer Technologietransferfonds bekommen. Die brauchen wir aber jetzt eigentlich nicht mehr. Wir können uns seit Ende letzten Jahres komplett aus unseren Umsätzen finanzieren. Und so wollen wir auch eigentlich die nächsten Jahre weiterwachsen.

Vanessa: Genau, unser Team stetig weiter aufbauen, um uns neuen Anwendungsfällen widmen zu können und dementsprechend neue Mitarbeiter einzustellen.

H-BRS: Vielen Dank für eure Zeit. Wir wünschen der adiutaByte GmbH weiterhin alles Gute! 

Das Interview führte Johanna Schuh, Studentische Aushilfe im Zentrum für Wissenschafts- und Technologietransfer und Studentin im Bereich Technikjournalismus an der H-BRS.